Die Wahrheit über Versagen

Die Straße zum Versagen ist gepflastert mit verpassten Gelegenheiten und ungenutzten Chancen • Design by Astrid von Weittenhiller

In unserem Kulturkreis sind Versagen und Scheitern so ziemlich das Schlimmste, was einem passieren kann. Doch was bedeutet es wirklich, wenn jemand versagt? Was bedeutet es für dich?

Wenn jemand sein Ziel nicht erreicht, muss das ein ziemlicher Versager sein. Schon von Weitem erkennt jeder den Verlierer. Ein Loser, der nichts wert ist.
Jemand, der scheitert, hat für immer einen Makel. Das Leben ist vorbei. Keiner gibt ihm mehr eine Chance.

Sind das auch deine Gedanken?

Vielleicht nicht so krass. Aber so in etwa ist das wohl die vorherrschende Meinung in Deutschland.

 

Andere Länder sind da großzügiger.

In den USA ist es zum Beispiel nicht ungewöhnlich, dass jemand 2-3 Misserfolge hat, bevor das nächste Projekt mega-erfolgreich wird. Das Scheitern zuvor war nicht verwerflich. Man wird dafür nicht geächtet. Man wird für den Erfolg gefeiert.

Jemand kann sogar Präsident werden, obwohl er mehrere Pleiten hingelegt hat. Mir geht es nicht darum, ob es irgendwie gut oder richtig ist. Mir geht es um die andere Einstellung.

 

Bei uns herrscht die Meinung, dass wir alles gleich beim ersten Mal schaffen müssen. Scheinbar haben wir moralisch kein Recht auf einen zweiten Versuch. Oder einen dritten.

Und wenn wir experimentieren, dann bitte nicht in der Öffentlichkeit. Keiner darf mögliche Fehler bemerken.

Denn jeder Fehler ist der erste Schritt zum Scheitern.

Ein Fehler ist noch kein Versagen

Wir sind sehr streng, wenn ein einzelner Mensch einen Fehler macht.

Dabei gehören sie in manchen Bereichen ganz selbstverständlich dazu. Da werden Fehler gerne in Kauf genommen. Genauer gesagt, sie werden als Arbeitsschritt gesehen.

 

In der Softwareentwicklung entsteht ein erfolgreiches Produkt immer durch Entwickeln, Prüfen und Verbessern. Ich weiß nicht, ob es ein Programm gibt, das beim Verkaufsstart nicht fehlerhaft war.

Die aller erste Ausgabe ist oft eine Minimalversion, die dann Schritt für Schritt erweitert, korrigiert und verbessert wird. Die Fehler werden gratis durch die Anwender gesucht.

Wir sind so sehr daran gewöhnt, dass es kaum mehr auffällt wie oft neue Updates zur Fehlerkorrektur und Verbesserung erscheinen.

 

Du meinst, dass dieser Vergleich hinkt? Es sei ja kein Scheitern, wenn man nur was zu verbessern hat?
Scheitern vielleicht nicht, aber Versagen?

Was bedeutet Versagen? Und warum haben wir so sehr Angst davor?

 

Wer noch nie einen Misserfolg hatte, hat noch nie etwas Neues versucht. – Albert Einstein –

 

Die Angst vorm Versagen

Im täglichen Leben gibt es etwas, dass uns viel mehr einschränkt, als das Versagen selbst. Es ist die Angst davor.

Wir wollen Liebe, Achtung, Respekt. Und das darf durch nichts aufs Spiel gesetzt werden.

Wir möchten unangenehme Gefühle wie Scham auf jeden Fall vermeiden. Daher achten wir auf unseren guten Ruf und darauf, was andere von uns denken.

Die Meinung anderer kann so wichtiger werden als unsere eigenen Bedürfnisse. Vielleicht geben wir sogar unsere Wünsche und Ziele auf.

Wir leben mit der Angst.

Diese Angst macht uns langfristig unzufrieden und unglücklich.

Wir spüren, dass wir gerne etwas ausprobieren würden. Doch nur der Gedanke an den ungewissen Ausgang lässt uns zögern.

Wir wollen auf keinen Fall versagen. Also probieren wir es lieber erst gar nicht.

Aus Angst scheitern

Stell dir vor, du möchtest gerne blind tippen können. Du hast dich schon oft darüber geärgert, dass du immer so langsam schreibst. Dabei wäre es so wichtig für deinen Job.

Du besorgst die Lernsoftware, die dir empfohlen wurde. Du setzt dich hin und fängst an. Drei Tage lang übst du fleißig und siehst auch erste Fortschritte. Dann kommt was dazwischen und du vergisst darauf. Am nächsten Tag bist du zu kaputt zum Üben. Ach, und jetzt ist doch schon egal. Du hörst auf.

Ist das Versagen?

 

Ein anderes Beispiel. Du rauchst täglich etwa 5 Zigaretten. Du weißt, es tut dir nicht gut und du willst schon lange aufhören. Es ist mal wieder ein neues Jahr und du hast die besten Vorsätze.

Doch bei der Party am nächsten Wochenende greifst du nicht nur zu deinem Lieblingswein sondern auch zur Zigarette.

Ist das Versagen?

 

Eine erfolgreiche Geschäftsfrau wünscht sich einen Partner. Es muss ja nicht gleich der Mann fürs Leben sein. Obwohl, schön wäre es schon.

Sie war schon bei drei Speed-Dating Abenden. Das war ja ganz nett, aber es war keiner dabei, an dem sie auch nur irgendwie Interesse gehabt hätte. Sie wusste es ja gleich. Sie wird nie mehr einen netten Mann kennen lernen. Sie gibt auf und geht nicht mehr hin.

Ist das Versagen?

 

Viele Raucher versuchen erst gar nicht mehr, die Zigaretten sein zu lassen. Andere denken, sie können nicht abnehmen, einen Partner finden, eine Sprache lernen, einen anderen Job haben.

Sie haben es sicher schon mal probiert – vielleicht auch öfter. Aber es hat nicht geklappt. Daher geben sie auf.

Aus Angst vor neuem Versagen scheitern sie.

Wenn wir unsere Ziele aufgeben, obwohl wir sie noch immer gerne erreichen würden, dann ist es nicht Versagen. Dann ist es Scheitern.

 

Warum klare Definitionen wichtig sind

Oft wird Versagen mit Scheitern gleichgesetzt. Die beiden Wörter werden so verwendet, als ob sie etwa die gleiche Bedeutung hätten.

Ganz krass sieht man das, wenn man nach Zitaten zum Thema Scheitern sucht. In den englischen Originalen ist Versagen gemeint, im deutschen Text steht jedoch Scheitern.

Hier das bekannte Zitat von Samuel Bechert:

Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.

Übersetzt wird es im Allgemeinen so:

Stets versucht. Stets gescheitert. Egal. Nochmal versucht. Wieder gescheitert. Besser gescheitert.

 

Vom der Bedeutung her wäre es so besser:

Stets versucht. Stets versagt. Macht nichts. Wieder versucht. Wieder versagt. Besser versagt. - Samuel Beckett - Tweet mich

 

Failure bedeutet Versagen, nicht Scheitern. Zumindest nach der eigentlichen Definition der beiden Wörter.

Das Wort Scheitern gibt es wohl seit dem 17. Jahrhundert und bedeutet in Stücke (Scheite) gehen.
Etwas zerbricht und ist unwiderruflich kaputt.

Versagen ist das Nichterfüllen von Zielvorgaben und den entsprechenden Anforderungen.
Ein Ziel wird nicht wie gewünscht errreicht.

 

Die Definitionen zeigen, dass Scheitern und Versagen nichts miteinander zu tun haben.
Es sind ganz unterschiedliche Ideen, die hier beschrieben werden. Daher ist der bewusste Umgang mit Begriffen so wichtig.

Selbst wenn es im Lexikon klare Definitionen gibt, geben wir Begriffen eine eigene Bedeutung. Wir verknüpfen sie mit Erinnerungen und Gefühlen.
Und weil das so ist, dürfen wir uns über die Bilder in Kopf klar werden.

 

Wenn wir wissen, was Versagen wirklich ist und was wir damit verbinden, dann können wir leichter damit umgehen. Wir brauchen dann keine Angst mehr davor haben.

Solange uns die Bedeutung nicht bewusst ist, bleibt eine diffuse Ungewissheit. Wir können die Gefühle nicht einordnen. Doch weil uns das nicht auffällt, bekommen wir leicht Angst.

Es liegt in unserer DNS, dass wir uns vor dem Unbekannten fürchten.

In unseren Köpfen entstehen Bilder, die wir ungeprüft glauben. Es ist das Unbekannte, das so bedrohlich wirkt.
Wir befürchten, dass Scheitern das Schlimmste ist, was passieren kann.

Das gilt solange wir nicht genau wissen, was Versagen tatsächlich bedeutet. Solange wir uns nicht überlegt haben, was dann passiert.

Daher empfehle ich dir, starke oder wichtige Begriffe klar zu beschreiben – deine Erklärung in deinen Worten.

Was wir wirklich riskieren

Nochmal die Definition von oben:

Versagen ist das Nichterfüllen von Zielvorgaben und den entsprechenden Anforderungen.

Nur: Nichterfüllen von Vorgaben. Nicht mehr und nicht weniger.

Damit bedeutet Versagen, dass irgendwas nicht so passiert ist, wie wir es geplant hatten. Das ist doch gar nicht schlimm.

 

Wenn ich mir vornehme, um 17 Uhr Feierabend zu machen und es wird 5 Minuten später, habe ich meine Vorgabe nicht erfüllt. Ich habe versagt.
Und, stört mich das? Doch wohl nur in den seltensten Fällen.

Ich gebe in diesem Fall der exakten Uhrzeit keine große Bedeutung. Es ist kein wichtiges Ziel von mir. Letztendlich sind mir diese 5 Minuten egal.

Die Angst vor Versagen entsteht vor allem dann, wenn wir uns an etwas Neues, Unbekanntes wagen. Wenn wir ein großes Ziel haben.

Ob das nun nach allgemeiner Vorstellung ein großes Ziel ist, spielt dabei keine Rolle. Uns selbst ist es wichtig. Wir geben diesem Ziel eine besondere Bedeutung.

Das führt dazu, dass ganz plötzlich die Angst vorm Versagen riesig wird.

Bei manchen von uns führt es dazu, dass wir uns keine großen Ziele mehr vornehmen.

 

Das erlebe ich immer wieder, wenn Kundinnen nicht mehr wissen, was sie wollen.

Noch bevor ein Wunsch ins Bewusstsein kommen darf, wird er heimlich geprüft und zensiert. Scheint er zu „gefährlich” zu sein, wird er von vorne herein verworfen. So entsteht der Eindruck, dass erst gar kein Wunsch da wäre.

Das Risiko ist groß, wenn wir uns von Angst vorm Versagen abhalten lassen

Wenn wir nicht tun, was wir uns vom Leben erhoffen, hat das Konsequenzen für unser ganzes Leben.

  • Wir verlieren unsere Träume.
  • Wir verlieren das Vertrauen in uns, Herausforderungen zu meistern.
  • Wir bleiben hinter unseren Möglichkeiten zurück und leben mit dem nagenden Gefühl, dass da doch noch mehr sein müsste.

 

 

Warum wir versagen

Manchmal denke ich, je älter wir werden, desto bequemer werden wir auch.

Weil wir erwachsen sind, müssen die Dinge bereits beim ersten Mal klappen. Vielleicht geben wir uns ein paar mehr Chancen. Doch je erfolgreicher wir bisher waren, desto mehr erwarten wir, dass es bei uns doch viel schneller klappen müsste.

 

Das hat meistens eine von zwei Konsequenzen:

  • Wir fühlen uns als Versager.

Wir haben es nicht geschafft. Es hat nicht so geklappt, wie wir es uns vorgestellt haben. Also probieren wir es nicht mehr.

Das untergräbt unser Selbstvertrauen.
Das untergräbt unseren Glauben an uns.

Mit der Zeit kann es unser Selbstbild verändern. Wir fühlen uns nicht nur als Versagen, wir denken, dass wir Versager sind.

 

  • Wir geben innerlich auf.

Wenn sich wieder ein größerer Wunsch in uns regt, prüfen wir ganz genau, ob er „realistisch” ist.

Realistisch bedeutet, ob es etwas ist, das wir schon mal geschafft haben. Liegt es innerhalb unserer Komfortzone? Können wir es sicher und möglichst bequem erreichen?

Wir gehen innerlich auf Nummer sicher.
Wir gehen lieber kein Risiko ein.

Die Wahrheit sieht anders aus:

Wir erreichen unsere Ziele nur deshalb nicht, weil wir es entweder nicht lange genug probieren oder wir die entsprechenden Anforderungen nicht kennen.

 

Kenne alle Anforderungen

Damit kommen wir zu einem anderen wichtigen Punkt:
Die Anforderungen.

Ein wichtiger Aspekt meiner Ausbildung war das formulieren von Zielen. Es genügt einfach nicht zu sagen: „Ich möchte gerne schlank sein.”

Das ist ein Wunsch, aber kein Ziel. Denn wir wissen nicht, was wir genau wollen.
Mehr zum Thema Ziele findest du im Artikel: Was wir von Bäumen lernen können.

Die bekannte SMART-Formel kann uns dabei ebenfalls helfen. Eine Erklärung dafür findest du zum Beispiel bei BeYourBest.

Zu den Anforderungen gehört jedoch auch, dass wir wissen, was es für unser tägliches Leben bedeutet:

  • Wie viel Zeit brauche ich täglich für das Erreichen meines Ziels?
  • Was muss ich wissen, lernen, tun, damit ich mein Ziel erreichen kann?
  • Wie beeinflusst es mein Umfeld?
  • Was für Hindernisse kommen auf mich zu?
  • Wo bekomme ich Unterstützung?
  • Was tue ich in schwierigen Situationen?

Ein klares Ziel braucht auch eine gute Strategie. Diese Strategie darf regelmäßig überprüft und angepasst werden.

Eine weitere Anforderung ist, dass du genau weißt, wann du dein Ziel erreicht hast:

Woran erkennst du, dass du dein Ziel erreicht hast?

  • Wie fühlst du dich dann?
  • Was ist dann anders?
  • Wer bist du dann?
  • Was tust du?
  • Wie verhältst du dich?
  • Wie verhalten sich die Menschen in deinem Umfeld dir gegenüber?

 

Oft denken wir, dass wir scheitern. Dabei haben wir noch nicht mal klar definiert, was eigentlich das Ziel ist.

 

Die Wahrheit über Versagen

Ich fasse nochmal zusammen, was du zum Thema Versagen wissen darfst:

  1. Versagen ist nicht Scheitern.
    Versagen bedeutet lediglich, dass du die (selbst gewählten!) Zielvorgaben mit den entsprechenden Anforderungen nicht erfüllt hast.
  2. Kenne alle wichtigen Eckpunkte.
    Meistens versagen wir, weil wir das Ziel und die Anforderungen nicht gut genug kennen.
  3. Erkenne die Angst.
    Die Angst vor dem Versagen ist schlimmer als das Versagen selbst. Denn sie untergräbt unser Selbstvertrauen und verhindert, dass wir etwas Neues ausprobieren.

 

Es ist nicht schlimm zu versagen.
Denn Versagen bedeutet vor allem, dass die gewählte Methode nicht zum Erfolg führt und angepasst werden darf.

Und damit sind wir gedanklich ganz nah bei der Softwareentwicklung und den Apps auf deinem Handy, die alle paar Tage ein Update bekommen.

 

Scheitern und Versagen sind zwei völlig unterschiedliche Dinge.
Scheitern ist, wenn man aufgibt.
Versagen bedeutet nur, dass man noch nicht den richtigen Weg (Strategie oder Prozess) gefunden hat.

 

Jetzt bist du dran.

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Astrid von Weittenhiller
Life-Coach für AbenteuerInnen

 

 

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